Mittwoch, 7. März 2007

LYRIK

LULU
von Frank Wedekind

Ich liebe nicht den Hundetrab
Alltäglichen Begrehrens;
Ich liebe das wogende Auf und Ab
Des tosenden Weltmeeres.

Ich liebe die Liebe, die ernste Kunst,
ureinige Wissenschaft ist,
Die Liebe, die heilige Himmelsgunst,
Die irdische Riesenkraft ist.

Mein ganzes Innre erfülle der Mann
Mit Wucht und mit seelischer Größe.
Aufjauchzend vor Stolz enthüll’ ich ihm dann,
Aufjauchzend vor Glück meine Blöße.

SEHNSUCHT
von Frank Wedekind

Und sei mir noch so traurig auch zu Sinn,
Ich will’s nicht glauben, dass ich elend bin.
Der Fluch, das Leid, das mich zu Grund gerichtet,
Am Ende war ja alles nur erdichtet.

Die Phantasie treibt oft ihr Rollenspiel.
Schon manchen hob sie, der zu Boden fiel,
Im Geist empor. Schon manchen aus den Höhen
Des Himmels ließ sie Schreck und Unheil sehen.

Laß ab von mir, du große Zauberin!
Erbarm’ dich mein, entschleire meinen Sinn!
Zerteil die Macht, mit der du mich geschlagen –
O Sonnenglanz des Glücks, wann wirst du tagen!

STILLE BEFÜRCHTUNG
Von Frank Wedekind

Seit ich dir mein ganzes Herz entladen,
Peinigt mich geheimnisvolles Weh:
Morgens drängt’s mich seltsam, mich zu baden;
Abends treibt’s mich mächtig ins Cafè;

Nachts umgaukeln mich verrückte Träume,
daß die Seele bang um Hilfe schreit;
Eng’ bedrücken mich des Himmels Räume,
Die Gewänder werden mir zu weit;

Vor den Augen schwirrt ein schwarzer Falter –
Sprich, o sprich, wie soll ich das verstehn!
's ist ein heimlich zartes Knospenalter;
Doch nicht Liebe scheint mir auszugehn.

ERDGEIST
Von Frank Wedekind

Greife wacker nach der Sünde;
Aus der Sünde wächst Genuß,
Ach, du gleichest einem Rinde,
Dem man alles zeigen muß.

Meide nicht die ird’schen Schätze:
Wo sie liegen, nimm sie mit.
Hat die Welt doch nur Gesetze,
Dass man sie mit Füßen tritt.

Glücklich, wer geschickt und heiter
Über frische Gräber hopst.
Tanzend auf der Galgenleiter
Hat sich keiner noch gemopst.

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