Freitag, 25. Mai 2007

SPIEL UM ALLES ODER NICHTS

Feuilleton bERLINER ZEITUNG; 25.5.07
Spiel um alles und nichts
Diplominszenierung am bat: "Tonight: Lulu Live"
Wir spielen ein Spiel, in dem es um alles geht!", brüllt ein schmieriger Moderator ins Mikro. Im Hintergrund läuft eine Musik, die von großen Gewinnen träumen lässt. "Tonight: Lulu Live" heißt die Spiel-Show, die sich so im bat anbietet. Spielen ist ja, was abseits von Regeln passiert und für diesen Abend heißt das: jenseits von Frank Wedekinds Textvorlage. Der hat in der Diplom-Inszenierung von Maria Magdalena Ludewig nur eine ganz kleine Rolle. Stattdessen wird um die liebestolle Lulu (bei Wedekind "das wahre Tier") assoziiert, improvisiert und verheutigt.
So gibt es etwa, zum Warmwerden, eine Mitmachaktion. Die Schauspieler tänzeln zwischen weißen Säulen eine weiße Treppe herunter, zeigen Haut und Muskeln und das Publikum entscheidet: "Hot oder Not!". Die dazu ungelenk vorgetragenen Mottos offenbaren die Figuren als Schatten aus Wedekinds Drama: "Ich kann nicht gehen, kann nicht bleiben", (Manja Kuhl, Lulu). Oder: "Lieber ein Schrecken mit Ende als ein Schrecken ohne Ende" (Xenia Tiling, als Gräfin Geschwitz). Nicht um Lulus Geschichte geht es, sondern darum, was das eigentlich ist: das Lulu-Prinzip. Beim Griff in die Assoziationskiste führt das kurzweilig vom Klischee der Schlagsahne-geilen Männerfresserin über die vor der Kamera kokettierenden Kindfrau, bis hin zu den absurden Auswüchsen von Selbstdarstellung im Zeitalter des Internets. Antwort auf die Frage, was genau zu gewinnen ist, gibt die Show "Lulu Live" nicht. Sie zeigt nur, dass keiner es schafft. Und gefällt sich ansonsten im Vagen, spielerisch Provozierenden. Greifen lässt sich Lulu eben nicht, sie ist die, die nicht ist. Auch eine Antwort. (ls.)
Tonight: Lulu Live. Am 10. und 20. 6.im bat, Belforter Str. 15. Karten: 44 01 89 12.
Berliner Zeitung, 25.05.2007

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